Wenn die Blätter fallen
Im Oktober verändert sich die Landschaft. Das Licht steht tiefer, die Farben werden kräftiger, erste Äste zeichnen sich wieder gegen den Himmel ab.
Blätter lösen sich. Einige werden vom Wind fortgetragen, andere sinken fast gerade zu Boden. Was im Sommer dicht und grün war, wird durchlässig.
Der Baum hält sie nicht zurück. Er folgt einer Bewegung, die älter ist als jede Entscheidung. Das Abgeben bewahrt seine Kraft für die kommende Zeit.
Was wir festhalten
Für uns Menschen ist Loslassen selten so selbstverständlich. Wir halten an Beziehungen, Rollen und vertrauten Vorstellungen fest. Auch dann, wenn sie schwer geworden sind.
Das Vertraute gibt Halt. Es erzählt uns, wer wir waren und wo wir hingehören. Geht etwas davon verloren, berührt das auch unser Bild von uns selbst.
Darum reicht ein Entschluss oft nicht aus. Innerlich bleiben Fäden bestehen. Erinnerungen tauchen auf, alte Sätze kehren zurück, der Körper bewahrt, was der Verstand längst verstanden hat.
Loslassen geschieht in Schichten. Etwas löst sich, kommt noch einmal zurück und verliert erst mit der Zeit sein Gewicht.
Das Vergangene würdigen
Was gehen darf, war einmal wichtig. Eine Beziehung hat getragen. Eine Aufgabe hat Sinn gegeben. Eine Vorstellung hat durch eine bestimmte Zeit geführt.
Im Rückblick wird sichtbar, was daraus geblieben ist. Erfahrung, eine veränderte Sicht oder eine Kraft, die während des Erlebens noch unbemerkt war.
Würdigung hält das Vergangene nicht fest. Sie gibt ihm einen Platz. Was seinen Platz gefunden hat, muss nicht länger in der Gegenwart nachwirken.
So kann Abschied leiser werden. Das Gewesene verschwindet nicht. Es verändert seine Form.
Vertrauen in die leere Zeit
Nach dem Loslassen entsteht eine offene Stelle. Das Neue ist noch nicht sichtbar, und das Alte trägt nicht mehr auf dieselbe Weise.
Diese Zeit kann sich karg anfühlen. Wie ein Ast, der seine Blätter verloren hat und dem Winter entgegensteht.
Doch unter der Rinde bleibt Leben. Kraft zieht sich zurück, sammelt sich und wartet. Auch gefallene Blätter verschwinden nicht. Sie werden zu Erde und nähren, was später wachsen wird.
Vertrauen bedeutet in solchen Zeiten, die offene Stelle bestehen zu lassen. Ohne sie sofort zu füllen. Ohne bereits wissen zu müssen, was daraus entsteht.
Leichter werden
Der Oktober erinnert an ein Loslassen, das keinen grossen Augenblick braucht. Es beginnt in kleinen Bewegungen: Ein Gedanke verliert seine Macht. Eine Erwartung wird stiller. Eine Erinnerung schmerzt weniger als zuvor.
Wir tragen weiter, was zu uns gehört. Anderes darf sich lösen.
Die Hand öffnet sich.
Was fällt, findet Boden.
Blätterfall
Blätter lösen sich,
ohne Widerstand.
Sie fallen,
als wüssten sie:
Nichts geht verloren.
Wir halten fester –
an Geschichten,
an Rollen,
an dem, was uns trägt
und doch beschwert.
Vielleicht
ist Loslassen nur
ein anderes Wort
für Vertrauen.